Interviews
Panic at the Disco bekennen Farbe
Ein Interview über Filme, Videos und Visualisierung von Musik
Man hört den ersten Ton, das erste Riff oder zappt nur kurz auf einem Musikkanal in ihr Video - sofort erkennt man Panic at the Disco. Die vier jungen Amerikaner wuchsen im bunten und außergewöhnlichen Las Vegas auf, und das merkt man ihrer Musik und ihren Videos an. Seit ihrer Pubertät macht jeder von ihnen bereits Musik. Zu ihrer Gründung coverten sie zunächst Blink182, "weil die meisten Songs nur aus drei Akkorden bestanden und einfach leicht nachzuspielen waren", so Sänger Brendon Urie, und fanden 2006 zu ihrem eigenen Stil. Mit ihrer Mischung aus Pop, Rock und elektronischen Elementen stürmten sie mit ihrem Album "A Fever You Can't Sweat Out" die Charts, erlangten Platin-Status und legen in diesem Jahr mit "Pretty. Odd." nach. Nicht nur ihre Musik und die Stimme von Urie sind unverwechselbar, auch ihre Videos. Mit "I Write Sins Not Tragedies" gewannen sie den MTV Music Award für das beste Video und produzierten den aktuellen Clip zur Single "Nine In The Afternoon" wieder mit Produzent Shane Drake. Im Interview sprachen Schlagzeuger Spencer Smith und Sänger Brendon Urie erstmalig über die Besonderheiten ihrer Videos, Ähnlichkeiten mit Filmen von Stanley Kubrick, die Visualisierung von Musik und über private Lieblingsfilme.
Was sind Eure Lieblingsfilme?
Spencer: Oh, das ist schwer, es gibt so viele gute Filme. (macht eine Gedankenpause) "Style", "Die Royal Tenenbaums" - der ist super, den kann ich mir immer wieder ansehen.
Brendon: "American Beauty", "The Big Lebowski"
Spencer: Big Lebowski, den hatte ich vergessen...
Brendon: ...und "Fantasia", den Disney-Film, das ist ein verrückter Film.
Viele Journalisten haben über Euer letztes Video "I Write Sins Not Tragedies" geschrieben, dass es Ähnlichkeiten mit dem Film "A Clockwork Orange" hat. Seht Ihr das auch so?
Brendon: Echt? Das hab ich gar nicht so mitbekommen.
Spencer: Ja, stimmt. Meinetwegen, kann schon sein, ich find den Vergleich jedenfalls cool.
Das heißt, Ihr mögt seine Filme?
Brendon: Auf jeden Fall.
Spencer: "Full Metal Jacket" ist ein großartiger Film.
Mich erinnert auch Euer neues Video "Nine In The Afternoon" an manchen Stellen an einen Film - "Charlie und die Schokoladenfabrik" mit Johnny Depp, wegen der Kostüme und das Motiv des Lollys.
Brendon: Oh ja, hab ich noch nie so gesehen, aber stimmt. (lacht)
Sind solche Anspielungen Absicht? Ihr habt schließlich mit Shane Drake den gleichen Produzenten, wie für Euer preisgekröntes letztes Video gewählt.
Spencer: Es war anfangs nicht klar, ob wir das Video wieder mit Shane machen. Wir haben ihm und anderen Produzenten den Song vorgespielt und mit ihnen darüber gesprochen. Shane hatte einfach die beste Idee und er hat uns verstanden, wie wir Musik sehen und was wir mit dem Video in unsere Musik hineinlegen möchten - besser als jeder andere, mit dem wir gesprochen haben. Und es hat uns großen Spaß gemacht, dieses Video zu drehen. Weißt Du, am Anfang hatten wir einfach nicht so viel Geld für tolle Videos...
Brendon: Ja, wir haben zwar welche gemacht, aber eher schlecht, da ist die Arbeit mit Shane wirklich etwas anderes.
Sollen Eure Videos denn etwas Spezielles ausdrücken und deshalb spielt Ihr absichtlich auf verschiedene Spielfilme an? Oder ist das einfach eine Sache von Shane, die ihm gefällt?
Spencer: Ich denke, dass bestimmte Szenen, Looks und Zeitperioden in unseren Videos Verweise sind, weil sie auf anderer Ebene unsere Erfahrungen über die Zeit widerspiegeln: Wir waren zum Beispiel vor zwei Jahren auf US-Tour und haben mit dem letzten Album unglaublich viele Dinge erlebt. Wir versuchen immer möglichst viel davon in uns aufzusaugen und abzuspeichern. Das drücken wir dann irgendwie auch in unseren Songs und Videos aus. Und Shane hat uns kreativ beeinflusst, weshalb wir inzwischen auch schon so was wie Freunde geworden sind.
Normalerweise sind die meisten Videos von Rockbands Performance-Videos. Hat es Euch Spaß gemacht, wie große Schauspieler in Rollen zu schlüpfen und zu "spielen"?
Spencer: Ja, sehr. Brendon hat das vorher ja schon bei einigen Videos gemacht, aber wir haben bislang immer die Performance-Szenen übernommen. Wir waren daher bei dem Videodreh zu "Nine In The Afternoon" sehr aufgeregt. Zwar wussten wir genau, was wir wann und wie zu machen haben, aber es war schon ein wenig komisch. Schließlich haben uns die ganze Zeit 40 Augen beobachtet. Mit der Zeit wurde es aber immer normaler und hat uns zunehmend Spaß gemacht. Auch wenn wir alle längst nicht so gut darin sind wie Brendon. (grinst)
Brendon: Hey, danke für das Kompliment. (lacht) Die Jungs haben wirklich einen super Job gemacht, echt sweet.
Wie lange habt Ihr denn an dem Video gedreht?
Spencer: Nur zwei Tage.
Das war also ein straffer Zeitplan.
Spencer: Ja, am ersten Tag haben wir morgens um 5:30 Uhr angefangen. So ist es dann eben, dann werden die Tage schon mal länger und länger.
Brendon: Ja, 16 Stunden am Tag können es dann schon werden.
In "Nine In The Afternoon" gibt es drei verschiedene Räume: zunächst einen roten, dann einen gelben und blauen. Das sind ja nun mal die drei Grundfarben. Steckt da eine tiefere Bedeutung hinter? Hat die Visualisierung Eurer Musik eine spezielle Bedeutung, in dem Sinne, dass jede Farbe für etwas Bestimmtes steht - Gut oder Böse, Himmel oder Hölle beispielsweise?
Brendon: Nein. Es gibt zwar verschieden farbige Räume im Video, aber für Live-Shows und auch Videos ist es eher entscheidend, dass die Farben den Rhythmus, die Musik unterstützen. Das muss einfach passen.
An dieser Stelle muß ich noch einmal auf die Bedeutung von Homogenität von Musik und Film zurückkommen. Für Stanley Kubrick spielte Musik immer eine zentrale Rolle - wie Beethovens 9. in "A Clockwork Orange". Dabei ist bei ihm das Besondere, dass die Musik vorher feststand und er seine Filme nach der Musik geschnitten hat - nicht wie sonst eher üblich, die Musik auf den fertig geschnittenen Film schneiden oder komponieren ließ. Passt Euer und Shanes Verständnis von Musik-Visualisierung vielleicht deshalb so gut zusammen? Bei Euch steht ja auch zuerst die Musik - oder habt Ihr manchmal schon Bilder zu Euren Songs im Kopf?
Spencer: Das ist von Song zu Song unterschiedlich. Manchmal hat man Ideen und Bilder im Kopf, wenn man sich den Song anhört - das muss dann aber gar nicht 100%ig etwas mit dem Song zu tun haben, das ist dann mehr so ein Gefühl.
Brendon: Es macht Spaß, sich den Song in Bildern vorzustellen. Wir sind aber nur Musiker, deshalb brauchen wir gute Leute um uns herum, die uns bei der Visualisierung unterstützen.
Es gibt eine Theorie, nach der man Menschen in Typen einteilen kann aufgrund ihrer unterschiedlich ausgeprägten Sinne. Danach ist entscheidend, an was sich die Menschen am ehesten erinnern, nachdem man ihnen eine Geschichte erzählt hat - an Bilder, Geräusche oder Gerüche. Was glaubt Ihr, welche Typen Ihr seid?
Spencer: Ich bin ein visueller Mensch - auf jeden Fall.
Obwohl Du Musiker bist?
Spencer: Ja, ich kann mich einfach sehr sehr gut an Bilder erinnern. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich so auf Filme und Musikvideos stehe.
Brendon: (überlegt) ...Puh?!...
Spencer: (lacht) Bei ihm ist es wirklich sehr schwer. Für Brendon könnte ich das jetzt nicht genau sagen, der kann sich nämlich immer wahnsinnig gut an jeden Song, jeden Namen und jedes Gesicht erinnern.
Brendon: (überlegt immer noch) Ich weiß es einfach nicht, beides wahrscheinlich.
Kubrick hat in seinen Filmen gerne auf alte oder nachfolgende Filme verwiesen. Macht Ihr so etwas auch in Euren Songs oder Videos?
Spencer: Ja, manchmal. Generell soll aber natürlich, wenn man Songs schreibt, jedes Lied erstmal einzigartig sein und etwas Besonderes. Außerdem ist das ja auch erst unser zweites Album. Wir können ja nicht jetzt schon Sachen aus den 80ern wiederholen oder so (grinst), aber man kann solche Verweise schon mal machen, das erhöht natürlich den Wiedererkennungswert.
Und Ihr habt es damit schon weit gebracht. Wenn man nur einige Töne von Euch hört oder ins Video zappt, erkennt man direkt Panic at the Disco. Das ist doch cool - aus meiner Sicht haben das bislang neben Tool nur sehr wenige Bands geschafft.
Spencer: Danke, das ist großartig (lacht). Das ist aber nichts, was wir absichtlich machen. Das passiert unterbewusst von uns. Wir setzen uns nämlich nicht hin und überlegen uns, wie der nächste Song sein soll. Das ist ein kreativer Prozess, bei dem wir einfach spielen und das Eine das Andere ergibt - daher ist der Song nachher so, wie er ist.